(23. JULI 2018) Aachener Zeitung/ Nachrichten

WÜRSELEN Die Abschlussnote für das Projekt ist in trockenen Tüchern — die Thematik des zurückliegenden Jahres wird alle Beteiligten noch lange fesseln. Zwei Schulhalbjahre lang haben sich Schüler des Broicher Heilig-Geist-Gymnasiums (HGG) intensiv mit der wechselhaften Geschichte der Villa Buth in Kirchberg bei Jülich auseinander gesetzt.

Das Projekt unter der Leitung von Lehrer Timo Ohrndorf wurde in Kooperation mit dem Kaiser-Karls-Gymnasium Aachen (KKG) realisiert und mit Beginn der Sommerferien offiziell beendet. Beim Schulprogramm „Denkmal aktiv“ der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“ ist das HGG seitens der schulinternen Archäologie-AG schon länger vertreten. Nach zwei Projektteilnahmen als „Junior-Partner“ stand für die Schule im vergangenen Sommer der nächste Schritt bevor. Erstmals übernahm die HGG-Delegation aus der Q1 die Federführung bei einer Projektarbeit. Das KKG um Lehrer Jochen Buhren konnte seinerseits als Kooperationspartner gewonnen werden.

Unter dem Oberthema „Unbequeme Denkmäler aus der NS-Zeit — Vergangenheit, die nicht vergeht“ haben sich die Broicher Schüler direkt der Jülicher Fabrikanten Villa gewidmet. Das zurzeit leerstehende und stark verfallene Gebäude diente dem NS-Regime ab 1941 als Zwischenlager für Juden vor ihrer Deportation in die Vernichtungslager.

Der Kurs am Broicher Gymnasium war ausgelegt als Projektarbeit im Fach Geschichte. Neben Zeitzeugenbefragungen, Recherche in Archiven, Interviews mit den derzeitigen Eigentümern und der Nachzeichnung beklemmender Einzelschicksale (Friederike Goertz) organisierten die Schüler eine große Ausstellung der Ergebnisse.

Ihre Schulkameraden aus Aachen haben sich derweil mit baulichen Relikten aus der NS-Zeit auseinandergesetzt. Ob Panzersperren in Herzogenrath, das Heim der Hitler-Jugend in Burtscheid oder die Ordensburg Vogelsang — die jungen Forscher trugen allerhand Informationen zu den steinernen Mahnmalen zusammen. Die Aachener Gymnasiasten nahmen am Projekt im Zuge des Unterrichtsfachs Sozialwissenschaften teil.

Zur großen Abschlusspräsentation im Pädagogischen Zentrum des Heilig-Geist-Gymnasiums hatten die Schüler neben anschaulichen Fotowänden die unterschiedlichsten Werke ausgestellt.

Miniaturmodell der Villa ButhMittels schuleigenem 3D-Drucker hatten einige von ihnen ein beeindruckendes Miniaturmodell der Villa Buth erstellt. Dieses dient ebenso als Abschlussarbeit wie beispielsweise das Filmprojekt zweier weiterer Schüler. In mühevoller Kleinarbeit wurden abgefilmte Arbeitsschritte, Interviews und Exkursionen zu einer kurzweiligen Dokumentation verarbeitet.

Lehrer Martin Busch stand als Historiker bereit und hatte über eine „Green-Box“ kurze Expertisen eingesprochen. Heinz Spelthahn, Jülicher Rechtsanwalt und Experte für die Villa Buth, konnte sich ebenfalls über einen Auftritt freuen. Die Abschlusspräsentation ist fortan als kleine „Wanderausstellung“ angelegt und wird in Kürze auch am Aachener KKG zu sehen sein.

Besonders berührt zeigten sich die Schüler von Ohrndorf, als sie von der zurückliegenden Begegnung mit Zeitzeugin Friederike Goertz berichteten. Nachdem die Holocaust-Überlebende bereits einem ausführlichen Interview zugestimmt hatte, besuchte sie zusammen mit dem Projektkurs zum ersten Mal nach dem Krieg wieder die Villa Buth. Trotz des allgemein schlechten Zustands des Bauwerks kamen Goertz viele Erinnerungen von damals zurück ins Gedächtnis.

Die Schüler hatten es sich zur Aufgabe gemacht, den vergessenen Insassen der Villa wieder ein Gesicht zu geben. In mühevollen Recherchen wurden Fotos und Namen zusammengetragen. Als Friederike Goertz durch diese Aufzeichnungen blätterte, kamen ihr die Tränen — sie erkannte viele von denen, die ihr Schicksal einst teilten. „Ein äußerst bewegender Moment, es war unbeschreiblich“, meinte nicht nur Timo Ohrndorf.

 

VON YANNICK LONGERICH

  https://www.aachener-zeitung.de/lokales/juelich/vom-prachtbau-zum-ns-lager-villa-buth-in-kirchberg_aid-24506023