(26. JUNI 2018) Aachener Zeitung/ Nachrichten

KIRCHBERG Es war ziemlich mutig von Friederike Görtz aus Geilenkirchen, 76 Jahre nach der Internierung in der Villa Buth in Kirchberg an den Ort des Schreckens zurückzukehren. „Für mich als Kind war das die schlimmste Zeit, die ich mit meiner Mutter mitgemacht habe“, sagte die 84-jährige Zeitzeugin.

Helmuth Eichhorn empfing sie in der nahe gelegenen Hauptverwaltung des Wellpappenwerks. Begleitet haben sie Timo Ohrndorf aus Koslar, Geschichtslehrer am Heilig-Geist-Gymnasium Würselen (HGG), und drei Schülerinnen aus dem Oberstufenkurs, die der Geschichte der Villa Buth und ihrer Bewohner nachspürten, sowie das Ehepaar Maria und Klaus Beumers, Bekannte aus Heinsberg, die zur moralischen Unterstützung der Seniorin mitgekommen waren.

Die war offenbar auch notwendig, denn beim Empfang wurde diese von Erinnerung förmlich übermannt. „Ich muss an meine Mutter denken und die Zeit, als ich sonst keinen hatte“, sagte sie unter Tränen, fing sich aber wieder und erzählte vom Aufenthalt in der ehemaligen Fabrikantenvilla.

Von Nazis beschlagnahmt

Die hatte Unternehmensgründer Carl Eichhorn ursprünglich für sich bauen lassen, doch der starb vor dem Einzug, so dass Tochter Clara und Schwiegersohn Emil Buth den Prachtbau bezogen. „Weder mit Billigung noch Unterstützung der Familie Eichhorn ist die Villa von der örtlichen NSDAP beschlagnahmt worden“, sagte Hellmuth Eichhorn zur späteren Umwandlung in ein Sammellager für Juden aus der Region, die von Kirchberg aus nach Theresienstadt und Ausschwitz verschleppt wurden.

Martha Herz, Friederikes Mutter, fuhr am 25. Juli 1942 mit dem letzten Zug nach Theresienstadt. Zuvor hatte sie einen Pferdewagen organisiert und war nach Mönchengladbach gefahren, um Kontakt mit einer Pflegefamilie zu knüpfen, die Tochter Friederike am Tag vor ihrer Deportation abholte und sich bis Kriegsende um sie kümmerte. „Wir hatten ständig Kontakt“, sagt Friederike Görtz über die Briefe, die damals geschrieben wurden, und bis heute erhalten sind.

Zuvor musste sie in der Villa Buth leben — wie aus Erkelenz stammende Verwandte, die sich aber fürsorglich um die damals Achtjährige kümmerten: „Ich wurde immer in Watte gepackt“ — und: „Ich hatte es so gut wie kein anderer in dem Haus.“ Als sie etwa beim Schulbesuch in Kirchberg beschimpft worden sei, habe Großonkel Emil ihr in der Villa Buth das Lesen beigebracht, Großtante Lina und ihre Mutter übernahmen den Rest.

Überseekoffer und viele Tücher

Beim Gang zur Villa, deren Innenräume aus Sicherheitsgründen nicht betreten werden durfte, erinnert sich die 84-Jährige an viele Details von damals, etwa den Überseekoffer mit all ihrer Habe oder die Tücher, die in der Villa hingen, um die Räume zu unterteilen und wenigstens ein kleines Stück Privatsphäre zu schaffen.

„Ich habe viel Glück gehabt“, sagt Friederike Görtz in der Rückschau auf die schwere Zeit, „denn meine engste Familie hat überlebt“. Die Großeltern flüchteten nach China, ihre Mutter kehrte aus Theresienstadt zurück und starb 1976.

Von den insgesamt rund 120 Menschen jüdischen Glaubens, die 1941 und 1942 zeitweise in der Villa Buth gelebt haben, hat der Projektkurs des HGG fast alle Namen recherchiert und von mehr als der Hälfte auch Fotos gefunden. Diese Bilder haben die Erinnerung der einzig verbliebenen Zeitzeugin angeregt, die sich unter anderem an zwei Jungen in ihrem Alter erinnerte, mit denen sie an der Villa spielte, sowie an ein Baby, das im Sammellager Kirchberg lebte.

Ihrer jüdischen Mutter wurde nach der Scheidung von Franz van der Weyden das Sorgerecht zugesprochen, aber dennoch hat sie ihre Tochter katholisch erzogen. So feierte das Mädchen noch vor dem Umzug in das Sammellager Villa Buth in Düren Erstkommunion.

Nachdem der Wunsch, allen Menschen ein Gesicht zu geben, die in der Villa Buth interniert waren, teilweise geglückt ist, hat der Projektkurs inzwischen die Idee entwickelt, den Antrag zu stellen, der Bushaltestelle an der Teichstraße, die vor den Toren der Villa ist und derzeit den Namen „Papierfabrik“ trägt, in „Villa Buth“ umbenennen zu lassen. Damit würde die Erinnerung ans Denkmal und seine frühere Funktion in allen Jülicher Fahrplänen bewahrt. Hellmuth Eichhorn sagte zu, positiv darüber nachzudenken.

VON ANTONIUS WOLTERS

  https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/juelich/letzte-zeitzeugin-kehrt-zum-ort-des-schreckens-zurueck_aid-24556235