(2. MAI 2018) Aachener Zeitung/ Nachrichten

JÜLICH/WÜRSELEN Ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Herzogstadt ist in der Villa Buth in Kirchberg geschrieben worden, die der Fabrikant Emil Buth 1893 im Stil der Neorenaissance errichten ließ und die er mit Ehefrau Clara Eichhorn bewohnte.

Nach dem Tode Buths wurde das prachtvolle Gebäude mit Park zunächst vermietet, stand später leer, wurde von der NSDAP beschlagnahmt und diente von März 1941 bis Juli 1942 als Sammellager für jüdische Bürger aus dem Jülicher Land, bevor diese nach Theresienstadt und weiter in die Vernichtungslager deportiert wurden.

Momentan ist ein Oberstufenkurs des Würselener Heilig-Geist-Gymnasiums (HGG) dabei, die Geschichte der Villa und der dort internierten Juden zu erforschen. Geschichtslehrer Timo Ohrndorf, der in Koslar wohnt und am HGG unterrichtet, war durch Zufall auf das Gebäude aufmerksam geworden, hatte sich näher erkundigt und so das Thema gefunden für den „Projektkurs Villa Buth — Zwischenstation zum Holocaust“.

Der 19-köpfige Kurs hat diverse Teams gebildet, der jeweils Einzelaspekte zu dem Gebäude und den dort zwangsweise untergebrachten Menschen jüdischen Glaubens zusammentragen. „Wir wollen die Villa Buth ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken und den Menschen, die dort interniert waren, ein Gesicht geben“, umreißt Ohrndorf zwei Ziele, die der Kurs mit seinen abschließenden Facharbeiten verfolgt, die den Teilnehmern Punkte fürs Abitur im kommenden Jahr einbringen.

Wie packend das Fach Geschichte sein kann, erlebte der Kurs beim Besuch einer Zeitzeugin, die im Grundschulalter mit ihrer Mutter in der Villa lebte, bevor sie kurz vor der Deportation der Mutter Unterschlupf in einer Pflegefamilie fand.

Die betagte Dame, die heute in Geilenkirchen lebt, schilderte den Schülerinnen und Schülern sowie Gästen aus dem Umfeld des HGG eindringlich den Alltag in der Villa Buth, wie sie ihn vor gut 75 Jahren erlebt hat. Erst als Friederike Goertz den Abschied von der Mutter erzählen wollte, wurde sie von Emotionen übermannt und verstummte.

Alltag und Überwachung in dem Sammellager und im Vergleich zu anderen Lagern in Aachen werden von den Teams ebenso aufgearbeitet wie viele Einzelschicksale. Ein vierköpfiges Filmteam hat diverse Interviews aufgenommen und wird einen Dokumentarfilm erstellen.

Eine Facharbeit ist dem Schicksal von Friederike Goertz gewidmet, eine andere behandelt Theresienstadt und Auschwitz sowie die Zugfahrt dorthin. Ein Team erstellt Steckbriefe mit Bild, Geburts-, Sterbe- und Deportationsdatum von den jüdischen Bürgern, die in der Villa interniert waren. Die genaue Zahl ist unbekannt, aber es waren mehr als 120 Menschen. Das HGG-Projekt versucht, 80 bis 90 darstellen zu können.

Die eigentliche Villa, die einschließlich Park seit 1990 in der Denkmalliste der Stadt Jülich steht, mit ihren Besonderheiten im Baustil sowie eine Foto-Dokumentation des sich wandelnden Aussehens über die Jahrzehnte hinweg werden ebenfalls zum Thema gemacht. In Arbeit ist zudem ein 3D-Modell, das im HGG mit einem Spezialdrucker ausgegeben wird.

Bei ihren vielfältigen Recherchen rund um die Villa Buth hat der Kurs diverse Quellen „angezapft“: Als Partner unterstützen die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Iris Gedig von „familienbuch euregio“, Stadtarchiv, Stadtbücherei und Untere Landschaftsbehörde der Stadt Jülich, Pfarrer i.R. Dr. Peter Jöcken sowie Heinz Spelthahn von der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz die Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler.

Ausgewertet werden auch Gestapo-Akten aus der fraglichen Zeit und Wiedergutmachungsakten, die im Kreisarchiv verwahrt werden. Nicht zuletzt zeigte sich Helmuth Eichhorn gegenüber dem Projekt sehr aufgeschlossen und stand für Interviews zur Verfügung.

Gut möglich, dass die Facharbeiten des Projektkurses später in einem Sammelband zusammengefasst werden bzw. in einer Ausstellung münden, die dann auch in Jülich gezeigt würde. Fürs nächste Schuljahr plant der Projektkurs eine Fahrt nach Theresienstadt.

VON ANTONIUS WOLTERS

  https://www.aachener-zeitung.de/lokales/juelich/vom-prachtbau-zum-ns-lager-villa-buth-in-kirchberg_aid-24506023