Interview mit Herrn Dr. Jöcken

Am 18. April besuchte uns Pfarrer Dr. Peter Jöcken aus Kirchberg am HGG, um unsere Fragen über die Villa Buth und das Verhalten der Kirchberger gegenüber der mit dem Gebäude verbundenen Problematik von 1941 - 1942 bis in die heutige Zeit aus der Sicht der katholischen Kirche zu beantworten. 
 
In der Villa seien um die 100 Juden, wie in einem „Zoogehege“, interniert gewesen. Diese durften nur mit einem Ausgehschein das Gelände der Villa verlassen, um einmal in der Woche einkaufen zu gehen. Es sei zudem denkbar, dass die Insassen der Villa die umgebende Mauer eigenständig gebaut hätten. Wenige Kirchberger hätten ab und zu Essen über die Mauer geworfen, seien aber dann von ihren Mitbürgern beschimpft und verachtet worden. Niemand Außenstehendes durfte mit den Juden reden, selbst die Verkäufer der Bäckerei im Ort. 
 
Nicht nur Juden wurden unter dem NS-Regime unterdrückt. Auch die katholische Kirche in Kirchberg musste Leid über sich ergehen lassen. Dr. Jöcken berichtete uns von einer Spottprozession, welche eine Frau mit einem Gipskreuz aus der örtlichen Schule durchführen musste. Der damalige Pfarrer Wigers sei aus Angst vor den Nazis "mit einer Flinte" zu Bett gegangen und wurde oft auch verspottet. 
 
Über die Deportation 1942 hätte niemand in Kirchberg Bescheid gewusst. Selbst das Sammellager als solches sei nicht sonderlich bekannt unter den damaligen Einwohnern gewesen und wäre nur durch „Flüsterpropaganda“ weitergetragen worden. 
 
Bis vor einigen Jahren sei es so gewesen, als „hätte es die Zeit [von 1930 – 1945] nicht geben“ sagte Pfarrer Jöcken. Viele Kirchberger würden die Villa und ihre Vergangenheit verdrängen und seien daran schon zu gewöhnt. Die NS-Diktatur werde im Allgemeinen totgeschwiegen und müsste nach Dr. Jöcken wieder mehr in die Öffentlichkeit treten. Er wünscht für die Villa Buth eine kulturelle Zukunft als ein Denkmal und Erinnerungsort. Sie sei „keine Bruchbude“, sondern sollte restauriert werden und ihre Geschichte publik gemacht werden. 
  

 Melissa Barth (Q1)